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2007 ff.
 

Adelheid Gauhe
43N

Adelheid Gauhe –43 

wurde am 18. Juli 1818 geboren, war ein gesundes kräftiges Kind, das ihrer Mutter die Pflege und Erziehung sehr leicht machte. Frisch und fröhlich, natürlich und klar im Empfinden. Die kleine zarte Marie musste immer geschont und gehütet werden, Adelheid früh auch bei den kleinen Geschwistern helfen, wo es nötig war. [Quelle: Gauhe-Smend-Chronik]

Dem elterlichen Haus in Barmen Wupperfeld in der Berliner Straße gegenüber wohnte die befreundete Familie von Eynern, die eine ganze Reihe Töchter hatte. Alwine [von Eynern] war Adelheids besondere Freundin. Beim Spiel im Garten fiel ..[Adelheid Gauhe] einst von der Wippe und wurde, aus einer großen Wunde an der Stirn blutend, ins Haus getragen. Als dieselbe vom herbeigeholten Arzt genäht war und Adelheid die Augen auf schlug, war die erste Frage: Tante von Eynern, muss ich jetzt sterben? Worauf diese tröstend sagte: „So leicht stirbts sich nicht“. Die große Narbe behielt sie durch ihr ganzes Leben.

Zuerst kam [Adelheid] in die kleine Volksschule zu Frau Hüttemann, bei der die Kinder zunächst still sitzen und stricken lernten, von da in die Stadtschule, wo Herr Kriegeskotte Hauptlehrer war, der Großvater ..[von Luise Torhorsts] Freundin von Wolff. Fröhlich wanderte Adelheid mit Marie in den Unterricht dieser Elementarschule und erwarb sich durch ihre Klugheit und Aufmerksamkeit bald die Liebe ihres Lehrers. Das Lernen macht ihr Freude und in Handarbeiten war sie sehr geschickt. Um ihrem Lehrer, an welchem sie mit schwärmerischer Zuneigung hing, eine Freude zu bereiten, strickte sie ihm einen Geldbeutelchen von Seide und Perlen, dass sie ihn schüchtern zum Geburtstag überreichte. [Quelle: Gauhe-Smend-Chronik]

Lehrer Kriegskotte bot sogar eine Rechenfibel zum Kauf an:

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[Quelle: Geschichte der Erziehung und des Unterrichts, Elberfeld 1832 – Google Books 16.10.2010]

Königs Geburtstag wurde festlich begangen und jedes Kind kehrte mit dem in Wuppertal damals so beliebten „Heteweck“ heim. oder man machte im festlichen hellen Kleidchen mit der Schule einen Ausflug nach der Elberfelder Hardt, wo die Jugend mit Kaffee und Kuchen, abends mit Pfannkuchen bewirtet wurde. Wie fröhlich zog dann die Schar, und Adelheid, stolz auf ihren neuen Hut, konnte dann die Nachbarin fragen: „Fliegen meine Bänder auch?“ Abends zog man dann singend und jubelnd heim. Der alte Kanon „Oh wie wohl ist mir am Abend“ war damals schon ein beliebter Song.

Eine kränkliche Kusine, Lenchen Auffermann, die wegen eines ..Leidens selten die Schule besuchen konnte, aber von ihren Eltern durch alle möglichen Spielsachen, Nippel und Niedlichkeiten beschenkt wurde, gehörte recht zu dem Kreis der Gauhe’schen Kinder; alle die vielen herrlichen Dinge erweckten oft etwas Adelheids Neid. So konnte sie wohl sagen: „Lenchen, wenn du das abgibst, denke an mich“. Worauf die Kleine schnell einfiel: „Ich gebe nichts ab“. Sah Adelheid dann den gebrechlichen Körper der Kusine, schämte sich solchen Neidgefühls und rannte fröhlich nach Hause.

Hatten die Kinder der „besseren Stände“ die erste Klasse der Elementar-Schule absolviert, wurden sie in die Töchter-Schule nach Gemarke geschickt. Das war von Wupperfeld aus ein weiter Weg. Es erschien dem alten Lehrer Kriegeskotte ganz unverständlich, dass sein Unterricht nicht völlig ausreichen sollte. Er war auch ein tüchtiger Lehrer in den in den Elementarfächern und hielt seine Schule in musterhafter Ordnung. Um ihm den Abschied zu erleichtern, den die Mädchen gemeinsam zu ihm, und eine wurde auserwählt, den Dank der ganzen Klasse auszusprechen. Die Rede begann stets mit den Worten: „Da unsere Eltern beschlossen haben, dass wir jetzt die Töchterschule besuchen sollen etc“.. Herr Kriegeskotte war dann sehr gerührt und entließ die kleine Schar mit väterlichen Ermahnungen.

Nun lernt ...[Adelheid Gauhe] eifrig Französisch. Das Englische gehörte damals nicht zu den Unterrichtsfächern, Literatur, Physik, Algebra waren ihre liebsten Fächer. Der erste Lehrer pries der Jugend Goethe in den höchsten Tönen, las, was damals möglich war, vor, nach sorgfältiger Auswahl. Sein Nachfolger tat Goethe ab mit den Worten: „Er war ein gottloser Mann“. Aber er las dafür die Schillerschen, Körnerschen und Shakespeareschen Dramen, und noch im Alter konnte [Adelheid Gauhe] ganze Stücke aus Wallenstein, Marie Stuart und Hamlet auswendig.

Ihrer ernst gesinnten Schwester Luise machte dass einige Sorge. Als sie Adelheid einmal bat, mit ihr am Sonntag in den Nachmittagsgottesdienst zu gehen, antwortete diese: „Ich gehe nicht in die Kirche, ich lese Macbeth“.

Mit großer Freude erzählte sie ... von dem feinen netten Freundinnen-Kreis, in dem sie aufgewachsen war; der auch mit ihr gleichzeitig, nach Abschluss der Schulzeit, in den Konfirmandenunterricht zu Pastor Feldhoff kam. Die Namen Clara Wuppermann, Alwine von Eynern, Lehnchen Rittershaus und Mathilde Kriegeskotte sind ... in lebendiger Erinnerung geblieben. Sie schrieben sonntags zusammen die Predigt nach und sich gegenseitig an besonderen Tagen Gedichte oder Lieder in ihre Abschreibebücher. Der Unterricht des beliebten, hochbegabten und warmherzigen Pastors Feldhoff machte einen tiefen Eindruck auf [Adelheid Gauhe], dessen Segen fortgewirkt hat durch ihr ganzes Leben, so dass sie noch in ihren letzten Lebenstagen dort dafür dankte, was er in jener Zeit ihr zugeführt. [Quelle: Gauhe-Smend-Chronik]


Zum erwähnten Pastor Feldhoff heißt es in der Kirchengeschichte Wupperfelds:

Am 16. Oktober 1828 wurde der damals der evangelischen Gemeinde in Nymwegen/Holland dienende Pfarrer August Feldhoff für die neugegründete zweite Wupperfelder Pfarrstelle gewählt. Er stammte aus einem angesehenen Kaufherrenhaus in Elberfeld, wo er am 19.November 1800 geboren war. Der Vater war weitblickend, klug, geistig sehr regsam, vielleicht etwas freisinnig, die Mutter war eine stille fromme Frau. Feldhoff studierte in Heidelberg Theologie. Schon damals zeigte sich bei ihm der Hang zu Spekulationen, die ihn später auch in theologische Abwege führten. Zu einer Wandlung seines Wesens kam es besonders in Berlin, wo er bei HegeI, de Wette und Schleiermacher seine Studien fortsetzte. Nach Elberfeld zurückgekehrt, wurde er von dem dortigen Pfarrer Strauß, dem späteren Oberhofprediger, tief beeindruckt. Durch die Kirche des bergischen Landes ging damals eine große geistige Bewegung. Diese führte z. B. zur Gründung der bergischen Bibelgesellschaft, zu wachsendem Missionsinteresse, zur Verbindung mit der von Blumhardt ausgehenden Lebensbewegung, zur neuen Beschäftigung mit der Reformation - Reformationsjubiläum 1817. In seiner biblischen Erkenntnis kam er mehr zu einem biblischen Realismus und zu einem Aufmerken auf die Grundzüge der biblischen Heilsgeschichte. In Nymwegen fand er - in einer kleinen Gemeinde - Zeit, sich noch mehr in die Tiefen des Wortes Gottes zu versenken. Er studierte fleißig die Mystiker und Theosophen und kam dabei auch zu kirchlich abseitigen Anschauungen

Versöhnung durch den Tod Christi nicht, weil Christus dort die Strafe für uns getragen, sondern weil er sich in vollkommenem Gehorsam bewährt; keine Ewigkeit der Höllenstrafen, sondern erzieherische Bedeutung mit dem Ziel der endgültigen Erlösung. Feldhoff hat durch sein Nachsinnen und Forschen über die „letzten Dinge“ zwar manche anfechtbare Gedanken erarbeitet, aber auch Fragen gestellt, die in der Kirche vielfach fast vergessen waren.

In Wupperfeld fand er eine Gemeinde vor, die ihm keine Zeit zu weiteren Studien ließ, sondern in der er sich ganz auf Predigt, Katechese, Seelsorge beschränken mußte. Seine Predigten waren aber auch von einer zündenden, aufweckenden Kraft. Er trug etwas Unnennbares an sich. Der Geist schien, wie jemand gesagt hat, durch das Fleisch hindurch. Man fühlte ihm an, daß er alles für Schaden erachtete gegen die überschwängliche Erkenntnis Christi. Seine Predigten haben viele nie vergessen können. Bei besonderen Gelegenheiten fand er oft das treffende Wort. Wenner in Notzeiten der Industrie dem sorgenden Fabrikanten und dem verbitterten Arbeiter das Wort sagte und zur sozialen Frage Stellung nahm, sü war das zwar nüch nicht das Wort, das der Eigenart der hier vorliegenden Probleme den richtigen Ausdruck gab, aber es war das Wort des Zeugen Gottes, der den tiefsten Hintergründen nachspürte. Der ganze Mann stand hinter seiner Verkündigung. Die Wahrheit Gottes hat er in einer gärenden Zeit jedem verkündigt.

Sein Konfirmandenunterricht muß ganz besonders eindrücklich gewesen sein. Auch hier war es der seelsorgerliche Ernst, der in den Bann zog. Unter seinen durchdringenden Augen hatte, wie berichtet wird, manch einer den Eindruck, vor dem Stuhl der Ewigkeit zu stehen.

Daß dieser Mann es erlebte, wie sich viele ihm begeistert an“schlossen, ist verständlich. Feldhoff ist durch viele Schulen des Leides geführt. Drei Jahre nach seiner Uebersiedlung nach Bar“ men starb seine ‚erste, von ihm geliebte Frau. Das Glück seiner zweiten Ehe wurde bald getrübt durch eigene, immer ernster werdende Erkrankung. Er starb 1844 und wurde auf dem Friedhof an der Brandströmstraße beigesetzt. [Quelle: Geschichte der Evang.Lutherischen Gemeinde Barmen Wupperfeld 1777-1952, Wuppertal 1953, S.69ff]


Weiter in der Gauhe-Smend-Chronik:

Ein großer Kummer war es den Konfirmandinnen, dass die Knaben wenig aufmerksam und oft unerzogen und laut waren. Besonders einer von ihnen, Wilhelm Blügel trieb es gar zu arg. Da erwartete diesen einst nach der Stunde der oben genannte Freundinnen-Kreis, nahm ihn allein und redete ihm ins Gewissen. Erst war der Junge stutzig, dann ging er höflich von dannen, hörte von da an aufmerksam zu und erbat sich nach der Konfirmation von Pastor Feldhoff die Erlaubnis, die Denksprüche für die jungen Mädchen schreiben zu dürfen, was sonst ein Schreiber besorgte. So prangte denn ..[Adelheid Gauhes] Denkspruch: „Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist“ in Wilhelm Blügels schöner Schrift mit Pastor Feldhoffs Unterschrift zeitlebens über ihrem Bett.

1834 wurde [Adelheid Gauhe] konfirmiert und kann dann zu ihrer Schwester Luise nach Prüm , wo vorher schon ihre Schwester Marie ein Jahr lang gewesen war. [Alle wussten], wie sehr sie an ihrer ältesten Schwester hing mit fast eifersüchtiger Liebe, wie glücklich sie war, ihr das einsame oft mühselige Leben in Prüm zu erleichtern. Frohsinn, Heiterkeit und frische zog mit ihr in das kleine, schlichte Pfarrhaus und Luise führte die Schwester in die Haushalts- und Kochkunst ein. Als Adelheid mit rotglühenden Wangen den ersten selbst gebackenen Eierkuchen auf den Tisch stellte, meinte Luise schelmisch: „Einen zweiten könnten wir fast noch von dem Teig backen, der an der Schürze hängen blieb“. Mit dem Schwager gab es zuweilen einen kleinen Strauß. Seine kurze energische Art, die Luise mit Geduld und Verständnis trug, reizte Adelheid stets zum Widerspruch. Und konnte er nach seiner kraftvollen Art sich Luises zarten Empfindungen nicht immer anpassen, so hielt Adelheid das für Rücksichtslosigkeit.

Als am 30. Juni 1855 [für Schwester Luise und ihren Mann Rudolf ]der erste Sohn, der kleine Julius - nach seinem kurz zuvor in Lengerich er so plötzlich hingegangen Onkel genannt - geboren wurde, da hat...[Adelheid Gauhe] sie ganz allein und so voll Liebe gepflegt. Zur Taufe kam die Barmer Großeltern. über Köln, Marie in Münster, Blankenheim, Stadt Kyll ging die beschwerliche Reise. Von Bonn kam in Vertretung seiner Eltern der stud. theol. Friedrich Smend, und i[Luise Smendcmeint], dass er da zu erst mit herzlichen Wohlgefallen und wohl noch mehr das stille Walten der lieblichen Adelheid sah.

Mit schwerem Herzen geht sie dann von Prüm, wo sie so viel nötiger war als in Barmen, wo [die Schwestern] Pauline, Maria und Auguste der Mutter zur Seite standen. Freilich kam bald Paulines Hochzeit, Auguste in Pension nach Kleve, und da Marie immer leidend war, gab es für Adelheid von früh bis spät zu tun.

Allsonntäglich kamen die verheirateten Geschwister Gauhe (ohne Julius, verheiratet mit Julie von Eynern, und Tante Pauline, vermählt mit ... Wilhelm Lekebusch) schon mittags zu Tisch und blieben bis zum Abend, zwischendurch mal nach den Kleinen daheim sehend. Die Herrn sprachen kaufmännische Angelegenheiten, die Frauen plauderten über Haushalt, Kinder und Dienstboten und den unverheirateten Schwestern wurde dadurch der Sonntag arbeitsreich und selten festlich. Man versteht [heute] kaum, wie es möglich war, dass bei den Dienstmädchen drei erwachsene Töchter Befriedigung in den kleinen Arbeiten des Lebens und beim Stricken weißbaumwollener Strümpfe fanden, von denen [Adelheid Gauhe] 100 Paar mit in die Ehe gebracht hat. Freilich lasen sie beim Stricken und die große geistige Frische, die Adelheid besonders eigen war, kam wohl aus der gründlichen Bekanntschaft mit wirklich guter Literatur.

Als 1837 am 3. März in Prüm der kleine Gottfried geboren wurde, war Adelheid wieder der Schwester Pflegerin und Hilfe. Wieder kann zur Taufe Friedrich Smend, der inzwischen öfter von Bonn her mit seinem Freunde Ludwig von Roscher den Weg nach Prüm durch die schöne Eifel zu Fuß und die liebe Schwägerin [Luise] zur Vertrauten seines Zagens und Hoffens gemacht hatte. Bei der Taufe ist es wohl zur Aussprache gekommen und auf dem Heimweg nach Lengerich in Barmen den Eltern, wenn sie schon längst von der Sache wussten und Friedrich lieb hatten, ein kurzer Besuch gemacht. Von da an korrespondierten Friedrich und Adelheid, und nach Prüm kam von Papa Smend in Lengerich ein Paket mit Honigkuchen und Apfelsinen „die nicht zu den verbotenen Früchten aus dem Paradies gehörten“. [Quelle: Gauhe-Smend-Chronik]