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ZeitLebensZeiten
Version 1.07.03
© ZeitLebensZeiten
2007 ff.
 

Wilhelm Thomas - Bertha Ludolph


Die Biographie von Wilhelm Thomas, der 1848 in Netphen als Sohn des Amtmanns Johann Heinrich Thomas und seiner Frau Katharin Philippin, geborene Zimmermann, zur Welt kam, zeichnet sich durch drei Elemente aus:

Zum einen war sein Ausbildungsweg ganz offensichtlich sehr zielstrebig.
Zum zweiten ist eine enorme Mobilität nicht nur während der Ausbildungszeit, sondern auch danach mit dem Verkauf und Kauf von Apotheken und Firmen sowie einigen Umzügen festzustellen.
Zum dritten war er als Apotheker in Kassel gesellschaftspolitisch besonders aktiv als Vositzender des Apothekervereins Kurhessen Waldeck und dann für fast sechs Jahre als erster Vorsitzender der neu geschaffenen Apothekerkammer für Hessen-Nassau.

Der nachstehend wiedergegebene tabellarische Lebenslauf wird ergänzt durch einen ausführlichen deskriptiven Teil mit der detailliert rekonstruierten, aber sicher noch nicht vollständigen Biographie eines preußisch-westfälischen Apothekers in der Gründerzeit und im Preußen um die Jahrhundertwende.Es ist die Geschichte einer bürgerlichen Familie in der Kaiserzeit.

Wil Th %

Wilhelm Jacob Thomas wurde am 17.Mai 1848 nachmittags um 2 Uhr in Nieder-Netphen als drittes Kind des Rendanten der Amtskasse (Geschäftsführer) Johann Heinrich Thomas und seiner Frau Katharin Philippin Zimmermann geboren.

Eine originale Geburtsurkunde liegt nicht vor, sie war damals nicht üblich. Der Eintrag ins Kirchenbuch aus Anlaß der Taufe genügte. Erst ab 1874 gab es standesamtliche Eintragungen 

Die Abstammung der beiden Eltern wird an anderer Stelle gesondert betrachtet. Sicher ist, dass Wilhelm Jacob Thomas in Netphen in eine geachtete Familie hinein geboren wurde. Wilhelms Vater war zu dieser Zeit, 1848, noch Rendant, d.h. Geschäftsführer der Stadtkasse. Erst zehn Jahre später sollte er für dann 17 Jahre Amtmann, d.h. Bürgermeister von Netphen werden. Zudem war Johann Heinrich Thomas auch viele Jahre Kirchenältester. Wilhelms Mutter entstammte der über Jahrhunderte in Netphen und Umgebung ansässigen Familie Zimmermann. Die Jugendjahre verbrachte Wilhelm Thomas in Netphen und Siegen: Über die bzw. aus der Schulzeit von Wilhelm Jacob liegen keine Zeugnisse vor. Die Grundschule dürfte er in Netphen besucht haben. Er hat Abitur gemacht, sehr wahrscheinlich in Siegen, da es in Netphen kein Gymnasium gab.

Immerhin aber gibt es das „Confirmations-Attest“, datiert auf den 13. Oktober 1862, versehen mit dem Siegel „SIGIL ECCLES NETPHEN EX IN TERRIS“, wobei das Wort Netphen nicht vollständig einwandfrei lesbar ist. Der unter dem Siegel angegebene Spruch: „Ephes 1, 3“ [ d.i. Brief des Paulus an die Epheser] lautet: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus“.

Wie alle jungen Männer musste sich auch Wilhelm der Musterung stellen. Im Alter von 17 Jahren erhielt er den „Berechtigungsschein“ zum einjährigen Dienst. „auf Grund und nach Prüfung seiner persönlichen Verhältnisse und zwar durch Vorlegung eines den bestehenden bezüglichen Bestimmungen entsprechenden Gymnasial Zeugnisses.“ Es wurde ihm attestiert, dass er „zum Militärfelddienste brauchbar ist.“ Bemerkenswert das „Signalement“, also das Musterungsergebnis, auf der Rückseite des Berech-tigungsscheines: schlank, blond, blaue Augen, Nase stumpf, Mund gewöhnlich, Zähne gut, Besondere Kennzeichen: -
 

Ausbildungsjahre

Wenige Tage nach der Musterung und der Meldung zum einjährigen Dienst begann für Wilhelm Thomas im Jahre 1865 die Ausbildungszeit als Apothekergehilfe, die vielleicht typisch für die Apothekerausbildung im Preußen jener Jahre ist..
 

Berufspraxis in Westfalen

Wilhelm Jacob Thomas hatte am 15. Juli 1874 seine Berufsausbildung abgeschlossen. Im Alter von 26 Jahren durfte er nun eine Apotheke erwerben und vor allem selbstständig führen. Hatte er das Vermögen dazu, wie könnte er es sich erwerben? Und selbst wenn er das Vermögen hätte, wie sollte er bei Niederlassungsbeschränkungen und notwendigen Genehmigungen als 26-jähriger eine freie Apotheke finden?

Es begann die Zeit des Wartens, Suchen, Überbrückens, vielleicht auch des bewussten Geldverdienens bis zu einem günstigen Zeitpunkt.

Es ist nicht bekannt, welchen weiteren Weg ein Apotheker in der Regel ggf. nehmen musste, um eine Apotheke kaufen zu können, wenn er denn die ersehnte Urkunde der Approbation und entsprechendes Vermögen hätte. Ob Wilhelm Thomas Vermögen hatte mit 26 Jahren ist nicht bekannt, aber eher zu verneinen. Bleibt also die Vermutung, dass er Geld verdienen musste. Einige Zeugnisse dieser Zeit sprechen dafür.

Vom 1. Januar bis zum 1. August 1875, des Jahres also, in dem sein Vater starb, arbeitete er in Deutz in der Löwenapotheke: „Herr W. Thomas hat vom 1. Januar bis zum 1. August 1875 der Rezeptur in meinem Geschäfte vorgestanden und zwar in seiner Genauigkeit[?], Pünktlichkeit und Fleiß, so dass ich gern Veranlassung nehme, demselben meine Anerkennung und meinen Dank auszusprechen. Meine besten Wünschen für sein ferneres ... [?] begleiten ihn beim Abschiede aus meinem Hause. Deutz, den 1. August 1875 Leisen, Apotheker, Stempel W.Leisen, Löwen-apotheke, Deutz.

Nach einer Auskunft des Stadtarchivs in Köln [30.1.2008], die zwar mit 25 Euro (!) Bearbeitungsgebühr berechnet wurde, aber immerhin Klarheit brachte, befand sich die Löwenapotheke in der Freiheitstrasse 70 in Deutz. Deutz wurde 1888 nach Köln eingemeindet. 1915 wurde die Straße in Deutzer Freiheit umbenannt. Die Hausnummer ist geblieben.

Warum Thomas im darauf folgenden Jahr am 11. September 1876 vom Unter- zum Oberapotheker befördert wurde, ist nicht ersichtlich. Auf jeden Fall ist ihm die nachfolgende Urkunde wichtig, da er sie später im Jahre 1908 noch einmal zitieren wird: „Nachdem der Herr Unter-Apotheker des Beurlaubtenstandes Wilhelm Jacob Thomas durch Dekret Seiner Excellenz des Herrn Kriegsministers vom 8. September zum Ober-Apotheker befördert worden ist, wird ihm hierdurch gemäß dem § 6,3 der Kontrol-Ordnung die Bestellung als solcher erteilt. Berlin, den 11. September 1876. Kriegsministerium, Militär-Medizinal-Abteilung,Unterschriften, Stempel“

Entscheidend für den weiteren Lebensweg von Wilhelm Thomas dürfte sein, dass er vom 1. Oktober 1875 bis 31-12- 1877 an bei Max Groschuff in dessen Hirsch-Apotheke in Siegen arbeitete. Hier wird er jene Kontakte geknüpft haben, die dann später zu seiner Beschäftigung in der Groschuff’schen Hirsch-Apotheke nur ein knappes Jahr später, ab Ende 1878 führen sollte. Das Zeugnis: „Herr Apotheker Wilh. Thomas hat seit dem ersten Oktober 1875 der Rezeptur in meinem Geschäfte vorgestanden, und während] dieser Zeit stets reges Interesse für das Gedeihen des Geschäftes bewiesen; auch bezeuge ich demselben gern, dass er bei seinen Arbeiten mit ruhiger ... [?] und Zuverlässigkeit zu Werke geht, so daß ich denselben nur empfehlen kann.Siegen, den 27. Dezember 1877 Groschuff, Siegel (nur noch Reste vorhanden)
Daß der Apotheker, Herr Max Groschuff, hierselbst vorstehendes Zeugniß ausgestallte und in dem Officin desselben der Pharmazeut, Herr Wilhelm Thomas, vom 1. Oktober 1875 bis zum heutigen Tage als Gehülfe serviert hat, bescheinige ich hiermit. Siegen, den 31. Dezember 1877, ...[?]... Dr Hellmann ... Siegelreste“

Vor dem endgültigen Eintritt in die Hirsch-Apotheke in Siegen gab es für den mittlerweile bald 30jährigen Wilhelm Thomas noch zwei Stationen.

Vom 1. April bis 1. Juli 1878 war er erneut in der Löwenapotheke zu Deutz tätig, musste sie aber „leider krankheitshalber“ verlassen. Die „Krankheit“ kann so schlimm nicht gewesen sein, wenn sich diese Angabe wirklich auf Thomas selbst beziehen sollte. Dann wäre es ein Vorwand gewesen. „Krankheitshalber“ kann sich aber auch auf die Krankheit anderer Leute beziehen, die zum „Austritt“ von Thomas geführt haben, weil er aushelfen musste:”Herrn Thomas bescheinige ich, dass derselbe obige Stelle wieder vom 1. April bis 1. Juli 1878 versehen hat und leider krankheitshalber austreten muß. Deutz, den 1. Juli 1878 Leisen, Apotheker, Stempel W.Leisen 5. Juli 78 Löwen-Apotheke Deutz.“..

So oder so könnte es gewesen sein, denn: Ab 1. Juli 1878 vertrat er in der Adlerapotheke Schwerte für ein Vierteljahr den Apotheker Julius Wigginghaus. Diese Aufgabe war zweifellos reizvoll. Hier musste er direkte Verantwortung übernehmen.Der angesehene Chef, Friedrich Julius Wigginghaus, hatte es geschafft, seine Apotheke wieder auf den Stand der Zeit zu bringen. Nun gab es für ihn eine längere Abwesenheit – krankheitsbedingt oder weil es eben auch mal etwas anderes als Apothekendienst geben sollte. Einen Beleg gibt es leider nicht. „Dem Herrn Apotheker Wilhelm Thomas aus Netphen bescheinige ich hiermit, dass derselbe vom 1. Juli bis zum 1. Oktober aushülfsweise in meinen Officin die Rezeptur mit größter Pünktlichkeit besorgt hat. In meiner Abwesenheit hat er die Leitung und Führung des ganzen Geschäftes übernommen, nun fühle ich mich verpflichtet ihm für seine umsichtige Vertretung meinen besten Dank auszusprechen. Schwerte, den 10. Dezember 1878 J. Wigginghaus. Vorstehende Unterschrift des Herrn Apotheker J. Wigginghaus wird hierdurch beglaubigt. Der Bürgermeister Mönnich [?], Stempel Stadt-Magistrat zu Schwerte.“

Bei einem Besuch am 22. April 2008 wurde der Autor von der heutigen Besitzerin der Adlerapotheke in Schwerte, Sigrid Bohr, freundlich empfangen. Einige Fotos wurden für die schriftliche Orginaldokumentation der ZeitLebensZeiten zur Verfügung gestellt. Der Standort der Adler-Apotheke in Schwerte hat sich nicht verändert, wohl aber das Umfeld. Heute liegt die Apotheke in der Fußgängerzone:Unterlagen über die Geschichte der Adler-Apotheke aus den Jahren, in denen Wilhelm Thomas hier Dienst tat, mag es noch irgendwo geben, sie waren dem Autor aber nicht ohne weiteres zugänglich. Da dieser Abschnitt im Leben von Wilhelm Thomas ein eher kurzer war, wurde auch weitere Recherchen verzichtet.


Hirsch-Apotheke in Siegen

Ob Wilhelm Thomas direkt nach seinem Aufenthalt schon Anfang Oktober 1878 in Schwerte nach Siegen kam, um dem sterbenskranken Besitzer Max Groschuff in seiner Hirschapotheke zu helfen, ist nicht überliefert. Er übernahm aber direkt nach dem Tod Ende 1878 die Verwaltung der Hirschapotheke.
 

Die Hochzeit von Bertha Ludolph mit Wilhelm Thomas

Ab wann Bertha Ludolph, verw. Groschuff, die immerhin ihre Kinder zu versorgen hatte, und Wilhelm Thomas, der ihre Apotheke verwaltete, Tisch und Bett teilten, ist nicht bekannt.

Das Datum ihrer kirchlichen Hochzeit zweieinhalb Jahre nach dem Tod von Max Groschuff, der 3. Mai 1881, fand sich in den nachgelassenen Unterlagen nicht, sondern musste in Archiven erfragt werden. Es werden bei Wilhelm als Eltern genannt sein Vater, der „verstorbene Auctions-Commisar Amtmann Thomas“ und seine noch lebende Mutter Philippin Zimmermann, bei Bertha ihr in der Zwischenzeit verstorbene Vater Friedrich Wilhelm Ludolph und die noch lebende Sophia Schulte aus Düsseldorf. [Quelle: Kirchenarchiv Siegen, G.Moisel, 15.11.2007]

Die Eintragung im staatlichen Heiratsbuch von Siegen unter der Nummer 52 vom 3. Mai 1881 hat folgenden Wortlaut:
„Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschienen heute zum Zweck der Eheschließung
Der Apotheker Wilhelm Jakob Thomas, der Persönlichkeit nach bekannt, evangelischer Religion, geboren den 17. Mai des Jahres tausendachthundertachtundvierzig zu NiederNetphen, wohnhaft zu Siegen, Cölnerstrasse 69, Sohn der verstorbenen Amtmannes Heinrich Thomas, zuletzt wohnhaft zu Netphen und dessen Ehefrau Philippine, geborene Zimmermann zu Netphen
Witwe Apotheker Max Groschuff, Bertha geborene Ludolph, der Persönlichkeit nach bekannt, evangelischer Religion, geboren den zehnten Oktober tausendachthundersiebenundvierzig zu Hohenlimburg, wohnhaft zu Siegen Cölnerstrasse 69, Tochter des verstorbenen Kaufmanns Friedrich Wilhelm Ludolph, zuletzt wohnhaft Hohenlimburg und dessen Ehefrau Sophie, geborene Schulte, wohnhaft zu Düsseldorf.
Als Zeugen zugezogen und erschienen
: Der Apotheker Adolf Wörner, der Persönlichkeit nach bekannt, achtundzwanzig Jahre alte, wohnhaft zu Burbach; Der Apotheker Otto Stegmann, der Persönlichkeit nach bekannt, einundzwanzig Jahre alt, wohnhaft zu Siegen, Cölnerstrasse Nr.69...

Nachwuchs im Hause Thomas

Gewohnt haben Wilhelm Thomas und seine Frau Bertha im Jahre 1884 offenbar nicht (mehr) im Gebäude der Apotheke am Markt 1. Denn die Geburtsurkunde von Paul Heinrich Eduard Thomas nennt ausdrücklich als Wohnung das Haus Cölnerstrasse 69: 30.4. 1884 Geburt in Siegen morgens um 7 ¾ .

Am 18.6. 1884 gab es die Taufe im Hause. Anwesend waren laut kirchlicher Urjunde: Witwe Ludolph, Düsseldorf, Witwe Thomas, Netphen, Eduard Zimmermann, Marburg [Quelle: Kirchenarchiv Siegen, 15.11.2007]

Acht Monate nach der Geburt von Paul wurde die Hirsch-Apotheke verkauft. Aus der 300 Jahre Denkschrift der Hirschapotheke: „Am 31. Dezember 1884 zeigt Frau Thomas-Groschuff an, daß sie die Apotheke an Albert Sartorius aus Lauterbach verkauft habe. Der Kaufpreis beträgt für die Immobilien 58000 Mark, für die Mobilien 27000 Mark und für das Privileg 106000 Mark. Am 7. Januar 1885 erhält der 1877 zu Darmstadt approbierte Apotheker Albert Sartorius die Konzession.“

Hatten Max Groschuff und sein Schwiegervater Friedrich Wilhelm Ludolph im Jahre 1869 45 Tausend Thaler zahlen müssen, so war der gesamte Komplex jetzt, nach 15 Jahren 191 Tausend Mark wert. Da in dieser Zeit eine relative Preisstabilität herrschte kann also durchaus von einem ordentlichen Zugewinn durch den Verkauf ausgegangen werden.

Am Ende der Siegener Zeit steht ein Testat, das Wilhelm Thomas offenbar anforderte, um für den weiteren Weg den notwendigen Nachweis zu haben: „Der Apotheker Herrn Wilhelm Thomas hierselbst hat die hiesige Max Groschuff’sche Apotheke nach dem Tode des Herrn Groschuff vom 23. Dezember 1878 bis dato vorschriftsmäßig, sorgfältig und zur größten Zufriedenheit des Publikums verwaltet, was ich demselben auf Verlangen hiermit gerne bescheinige.

Dieses Testat sagt natürlich nichts aus über das, wie es in der Apotheke lief, welche Sorgen und Nöte es gab, nichts über das sich vielleicht zaghaft, vielleicht stürmisch entwickelnde Verhältnis zur Witwe Groschuff, die ja etwa gleich alt war wie Wilhelm. Oder wollte man mit dem gemeinsamen Sohn Paul, der im April 1884, also vor ein dreiviertel Jahr vor dem Verkauf der Apotheke zum 31.12.1884 einen neuen Anfang machen, ohne die wahrscheinlich doch immerwährende Präsenz des verstorbenen Max Groschuff?

Warum wurde die Apotheke verkauft, waren es zu viele Erinnerungen? War es vielleicht der richtige Zeitpunkt, um „Kasse zu machen“? Hätte man sonst zuviel neu investieren müssen? Zu alle dem natürlich kein Wort im Bescheid des Kreisphysikus Dr. Hellmann.

Wilhelm Thomas, sehr darauf achtete, dass die Nachweise seiner Tätigkeit – anders ist ihre Überlieferung gar nicht erklärbar - ordentlich gesammelt wurden, benötigte diese Nachweise zur Legitimation bei neuen Stellen oder Bewerbungen um Apotheken. Also auch beim Laboratorium Fresenius und der Universität Heidelberg, die für die nächsten zwei Jahre in den Mittelpunkt seiner Arbeit rücken sollten. Nach dem Verkauf der Hirsch-Apotheke und dem Erhalt einer vorzüglichen Bestätigung über die in Siegen geleistete Arbeit wandte sich Wilhelm Thomas neuen Aufgaben in Wiesbaden und Heidelberg zu.
 

Umzug nach Wiesbaden

Der Aufenthalt von Wilhelm Thomas in Wiesbaden kann anhand der Meldedateien nicht rekonstruiert werden, die Meldekartei sind im Zweiten Weltkrieg komplett vernichtet worden. Nur aufgrund der Eintragungen in die damals üblichen Adressbücher gibt es Nachweise über die Aufenthaltsorte von Wilhelm Thomas in dieser Stadt. Diese wiederum führten auch zu den Grundbucheinträgen, genauer zu den „Stockbüchern“ von Wiesbaden, in denen Wilhelm Thomas mehrfach erwähnt ist. Dem Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden sind die Eintragungen in den Stockbüchern über Käufen und Hypotheken zu verdanken. Stockbücher sind die Vorläufer der Grundbücher. Es ist, für Wiesbaden zumindest, ein zwar sicherlich durchschaubares, aber doch kompliziertes System von Verweisen und Überträgen in verschiedene Artikel, die immer wieder aufeinander Bezug nehmen. Dennoch lässt sich grob nachvollziehen, welche Immobilien das Ehepaar Thomas erworben, erweitert und wieder verkauft hat. Erinnern wir uns, dass das Ehepaar Thomas beim Verkauf der Apotheke erhebliche Erlöse erzielt hatte: Das Geld musste wohl angelegt werden.

 Für die Monate von Januar bis April, dem mutmaßlichen Beginn des Sommersemesters des Jahres 1885 liegen keine Unterlagen über Tätigkeiten als Apotheker o.ä. vor. Warum sich Wilhelm Thomas dann im Frühjahr im Chemischen Labor Fresenius fortbilden wollte, ist [2009] explizit nicht belegbar. Es kann aber – mit einiger Wahrscheinlichkeit - aus den wenigen vorliegenden Unterlagen rekonstruiert werden. Im Sommersemester 1885 jedenfalls belegte Wilhelm Thomas Kurse in Wiesbaden. Das Zeugnis des Chemischen Labors von Hofrath Fresenius belegt dies:„Herr Apotheker Wilhelm Thomas dahier arbeitete während des Sommersemesters 1885 an vier halben Tagen wöchentlich im hiesigen chemischen Laboratorium und beschäftigte sich speziell mit der Untersuchung von Nahrungs- und Genussmitteln sowie mit der Analyse des Urins. An Vorlesungen hörte derselbe: Chemie der Nahrungsmittel, Genussmittel und Gebrauchsgegenstände und deren Untersuchung im Sinne des Gesetzes vom 14. Mai 1879 (erste Abteilung) bei den Herren Dr. H. Fresenius, Dr. E. Borgmann, Dr. W. Fresenius und Dr. E. Hintz.Hygiene (Wohnung, Wasserversor-gung, Entfernung der Abfallstoffe, Volksernährung) bei Herrn Dr. med. F. Hueppe. Ausserdem beteiligte sich Herr Thomas an einem von Herrn Dr. med. F. Hueppe abgehaltenen praktischen Cursus über Bakteriologie. Herr Thomas hat das Studium der vorerwähnten speziellen Gebiete mit regem Eifer und gutem Erfolge betrieben. Wiesbaden, den 26. September 1885 Dr. R. Fresenius“

Das Institut von Fresenius war in seiner Zeit zweifellos eines der führenden Institute und ein wesentlicher Faktor der Entwicklung der Chemischen Wissenschaften.Im Archiv der heutige Hochschule Fresenius in Idstein fanden sich 2010 dank der Bemühungen von Prof. Leo Gros Abschriften der zitierten Zeugnisse. Wilhelm Thomas hatte also im 19.Jahrhundert Glück, in einem der renommiertesten Labore unterrichtet zu werden und forschen zu können, das im 21. Jahrhundert als Hochschule der Ausbildung verpflichtet ist. Dieses Glück sollte er ein weiteres Mal haben.

Kurz nach Erhalt des vorstehenden Zeugnisse vom 26. September 1885 meldete sich Wilhelm Thomas, der zehn Jahre zu vor seine komplette Apothekerprüfung abgelegt hatte, erneut an einer Universität an. Der Uni Heidelberg. Der Meldebogen verzeichnet für den 9.11.1885 seine Einschreibung für das am 5. Oktober 1885 begonnen habende Wintersemester für die Vorlesung „Experimente Chemie b. Herrn Geh. Rath Bunsen“. Zu entrichten waren 42 Mark, die am selben Tage quittiert wurden. Bunsen war ein bedeutender Forscher dieser Zeit. 

Zwei der renommiertesten Wissenschaftler der Jahre 1885 /1886 waren also Lehrer des mittlerweile 37 Jahre alten Wilhelm Thomas. Zu vermuten ist, dass er als Apotheker nicht nur wegen des Renommees seiner Lehrer wieder die Studentenbank drückte, sondern weil er als Apotheker seinen Radius erweitern musste und wollte. Zunächst aber rundete er während des Wintersemesters seine Studien ab:„Herr Apotheker Wilhelm Thomas dahier, welchem ich bereits am 25. September 1885 ein Zeugnis ausgestellt habe, arbeitete auch während des Wintersemesters 1885/86 praktisch in meinem chemischen Laboratorium und zwar bis zum 1. Januar 1886 an vier halben, von da ab an sechs halben Tagen wöchentlich. Er beschäftigte sich speziell mit der Trinkwassergüte [?], sowie mit er Untersuchung von Nahrungs- und Genussmitteln. Herr Thomas hat sich dem Studium dieser Aufgaben mit regem Eifer und gutem Erfolg gewidmet. Wiesbaden, den 16. März 1886 Dr. R. Fresenius“

Für die Zeit vom März 1886 bis zum Juli 1887 fehlen weitere Unterlagen. Es ist zu vermuten, dass Thomas in Wiesbaden geblieben ist, denn sonst hätte er sich nicht am 7. Jui 1887 einbürgern lassen. 

Im Februar 1889 schließt Wilhelm Thomas einen Kaufvertrag mit Ernst Mühl über eine Mineralwasserfabrik und damit verbunden weitere Dinge.War es eine Geldanlage? Benötigte er Mineralwasser für sein Laboratorium in der Herrngartenstrasse? Denn: „Unter derselben Adresse“, so teilte das Stadtarchiv Wiesbaden [2007] mit, wird seit 1890 ein Wilhelm Thomas genannt mit der Profession ’Apotheker, chemisch-analytisches Laboratorium’“. Wenn das Adressbuch mit einiger Verspätung Adressänderungen oder Namensergänzungen aufnimmt, so liegt zumindest die Möglichkeit nicht fern, dass dieses Laboratorium bereits 1889 bestand. War dieses im Verbund mit einer Apotheke?

In den nachgelassenen Unterlagen findet sich ein, allerdings nicht unterzeichnetes Schreiben, das den Verkauf der im Februar/März 1889 erworbenen Fabrik samt zugehörigen Dingen auf den 24. Oktober 1889 datiert. Auch die Nummerierung mit Paragraphen lässt zu wünschen übrig. Es muss also [9.1.2009]offen bleiben, ob Wilhelm Thomas den Verkauf wirklich getätigt hat. Zumindest scheint er beabsichtigt gewesen zu sein. Auch wenn das Geschäft mit dem Apotheker Wiemann aus Münster nicht zustande gekommen sein sollte, und statt dessen andere, [2009] nicht dokumentierte Verträge abgeschlossen worden sein sollten, so ist doch immerhin bemerkenswert, dass eine Firma, für die im Februar 23.000 Reichsmark gezahlt wurden, nur acht Monate später fast ein Drittel mehr, nämlich 30.000 Reichsmark verlangt werden konnte.

Die genauen Vermögensverhältnisse sind [9.1.2009] nicht nachvollziehbar, aber doch anhand der Stockregistereintragungen die Immobilienveränderungen ab 1890. Es muss neben diesen Immobilienaktivitäten aber auch weitere beruflich bedingte Käufe gegeben haben.

Die Kenntnisse der Zeit in Wiesbaden sind trotz der excellenten Hilfe des Stadtarchives Wiesbaden und des Hauptstaatsarchives in Wiesbaden sowie der Überlieferungen des Nachlasses doch immer noch recht dürftig [26.1.2010]. Es gab mithin diverse wirtschaftliche Betätigungen von Wilhelm Thomas und – so ist zu vermuten – seiner Frau Bertha, die ja auch einen wesentlichen, wenn nicht den wesentlichsten Anteil am Vermögen der Familie hatte – durch das Erbe ihres Vaters Ludolph und ihres verstorbenen Ehemannes Max Groschuff. 
 

Umzug nach Kassel

Wann der Entschluss reifte, von Wiesbaden nach Kassel zu ziehen und die dortige Adler-Apotheke zu übernehmen, ist [] nicht nachvollziehbar. Die Dokumentation über die Adler-Apotheke aus dem Jahre 1976 schildert: „Am 1. März 1895 wird die priv. ‚Adler=Apotheke’ von dem Apotheker Wilhelm Thomas aus Wiesbaden für einen Kaufpreis von 215.000 M. erworben“. Der Kaufvertrag wurde, so die Information in der Dissertation von Ingrid Kraus „Zur Geschichte des Apothekenwesens in Kassel“ (Marburg 1989 /Fachbereich für Pharmazie und Lebensmittelchemie der Philipps-Universität Marburg, zit. Kraus), im Dezember 1984 geschlossen [Kraus, S.206].

Im Stadtarchiv Kassel ist die Meldeakte „Thomas / Wilhelm“ überliefert. Die Meldekarten sind erfreulicherweise erhalten geblieben und bilden generell das „Skelett“ der Kasseler Stadtforschung. Die blaue Meldekarte weist Wilhelm Thomas als Hausbesitzer aus, der am 5.3.1895 zugezogen ist. Im Haus Fuldabrücke 8 wohnte die Familie gut acht Jahre.

Dieses Haus, die Adlerapotheke an der Fuldabrücke in Kassel, bestimmte für die folgenden mehr als 10 Jahre der Familie Thomas. Hier war die Apotheke, hier im Hause befand sich für die ersten Jahre die Wohnung der Familie.

Die Zeit Kassel lässt sich relativ gut rekonstruieren. Zum einen aufgrund der bereits an anderer Stelle geschilderten recht guten Dokumentenlage, die auch für die Zeit in Kassel gilt. Zum anderen mit Hilfe der Fotos die die Geschichte der Adlerapotheke beschreiben bzw. rekonstruieren, obwohl das Haus beim Bombenangriff auf Kassel am 22. Oktober 1943 wie das gesamte Altkassel zerstört wurde. Auch die Ausstattung des Hauses, also die Lage der Zimmer und ihre Möblierung, werden durch die überlieferten Fotographien deutlich. Sie gewähren Einblicke in das Familienleben der Apothekersfamilie. Augenscheinlich hatte der Sohn des Apothekerehepaars Freude daran, seine Umgebung beinahe journalistisch abzubilden. Die Interpretation und Zuordnung der Aufnahmen war nicht unkompliziert, weil die – anders als auf der vorstehenden Seite - meist fehlenden Datums- und Ortsangaben zunächst mehrere Möglichkeiten zuließen, die nach und nach eingegrenzt werden konnten. Eine besondere Hilfe war hierbei der Leiter des Stadtarchivs Kassel der selbst einige historische Stadtbücher herausgegeben hat, sondern eben auch aufgrund seiner Erfahrung die Bilder [am 19.9.2007] zuordnen konnte. Dabei stellte sich heraus, dass durch die Vernichtung des Stadtarchivs im Zweiten Weltkrieg aus dieser Zeit kaum Aufnahmen vorliegen.Das Stadtarchiv im ehemaligen Marstall und in dem heutigen Markthallengebäude (s.u.) verfügt aber durch die immense Arbeit der Beteiligten inzwischen wieder über einige Dokumente.Sowohl die Aufnahmen (Kopien) als auch die Dokumente (Originale) der Kasseler Zeit wurden daher dem Kasseler Stadtarchiv zur Bewahrung übergeben.
 

Adler Apotheke in Kassel

Mit der Übernahme der Apotheke wurde Wilhelm Thomas also langjähriger Bestandteil einer langen Geschichte der Adler-Apotheke, die zwischenzeitlich auch unter anderen Namen geführt worden war. Und er kam in eine Stadt, die nach einer Zeit der Stagnation zunehmend lebendiger, interessanter und bevölkerungsreicher wurde.
 

Apothekerkammer

Die Gründerjahre brachten auch die Möglichkeit standespoloitischer Aktivtäten, weil Berlin entsprechende Zusammenschlüsse duldete bzw. forderte. Wilhelm Thomas übernahm relativ früh in Kassel standespolitische Aktivitäten und wurde der erste Vorsitzende der Apothekerkammer Hessen-Nassau.
 

Umzüge in Kassel

Familie Thomas bewohnte eine durchaus repräsentative, mit wertvollen Möbeln ausgestattete Wohnung mit. Man konnte Klavier spielen, es gab einen Platz zum Nähen, eine Blumenbank und anderes mehr. Einiges davon hat sich bis in die Gegenwart erhalten. Nach fast neun Jahren wurde gewechselt. Acht Jahre nach dem Einzug in das Apothekengebäude an der Fuldabrücke. Oder war die Wohnung einfach nicht mehr komfortabel genug, der Lärm der Strassenbahn vor dem Haus störend? Oder fehlte es an einem Garten, denn den konnte das Haus an der Fuldabrücke nicht bieten. War das der Einstieg in den Ausstieg? Vielleicht ist der Erklärung aber auch sehr viel einfacher. Die Stadt Kassel musste bestrebt sein, den Verkehr über die Fulda zu verbessern. Das heißt: Es musste eine neue Brücke gebaut werden. Dies könnte und würde auch Auswirkungen auf die Umsätze der Apotheke haben. Bei einer einigermassen weitsichtigen Planung mussten Wilhelm und Bertha Thomas zum Schluß kommen, dass es besser sei, weit vor dem Neubau zu verkaufen. Ein Jahr später war die Apotheke verkauft. Die neue Brücke wurde 1809 eingeweiht...

Am 4. April 1903 zog Familie Wilhelm Thomas in Kassel mit ihren privaten Möbeln einige Strassen weiter: Von der Fuldabrücke 8 zur Maulbeerplantage 29. Einem direkt an der Fulda gelegenen sehr schönen Grundstück, direkt neben der „Drahtbrücke“, die eines der Wahrzeichen Kassels ist.

Die Entdeckung des Ortes und der näheren Umstände gehört zu den interessanten Puzzlespielen der Familienforschung. Was tun, wenn man nicht weiß, wo das Haus stand, wenn die Straßennummer nicht zu finden ist? Ein Gespräch mit dem Stadtarchivar von Kassel ergab eine überraschende Lösung. Es gab eine Postkarte, die adressiert war an Frau Apotheker Thomas, Maulbeerplantage 29. Nachgewiesen war durch die Einwohnermeldekarte auch, dass Familie Thomas in die Maulbeerplantage 29 umgezogen war. Aber es gab keine direkten Verknüpfungen von einigen vorhandenen Bildern, deren Zuordnung völlig offen war - auch mit der möglichen Adresse Maulbeerplantage 29. Die Recherche des Kasseler Stadtarchivars in den Flurplänen ergab: Ja, es gab das Grundstück Maulbeerplantage 29. Dem Stadtarchivar, der immerhin Fotobände über Kassel herausgbracht hatte, war ein Bild von der Bebauung des Grundstückes nicht geläufig. Die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges hatten auch das Stadtarchiv von Kassel weitgehend vernichtet. Anhand der Fotos, die die notwendigen Übereinstimmungen einzelner Objekte aufwiesen, konnten die vorhandenen Fotos den Standort des nicht mehr vorhandenen Hauses sehr nahe der Drahtbrücke nachweisen. Man hatte von dem auf einen Blick auf die Kasseler Drahtbrücke, die erst seit 1896 kostenfrei genutzt werden konnte, und das Regierungsgebäude auf der Anhöhe gegenüber. Diese Drahtbrücke führt parallel zur Fuldabrücke, etwas weiter flussaufwärts gelegen, von der Unterstadt hinüber zur Altstadt zwischen der Orangerie und dem Rondell, beinahe direkt unterhalb des Regierungsgebäudes. Auf der Fulda links ein Boots- und Badehaus. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Haus Maulbeerplantage zerstört. Bis 2007 war es nicht wiederaufgebaut worden. Nachbarn und Anwohner, die befragt werden konnten, sprachen von Bauplänen, die immer mal wieder angekündigt worden seien.

Am 4.4.1903 war Wilhelm Thomas mit seiner Frau und Sohn Paul in die Maulbeerplantage gezogen. Im April 1904 war seine Apotheke verkauft.

Dem Jahresbericht der Ärztekammer ist zu entnehmen, daß “der Vorsitzende Thomas-Cassel.. während der Monate Mai bis Oktober 1904 infolge bedenklicher Erkrankung, zu deren Behebung er sich einer schweren Operation zu unterziehen gezwungen war, an der Ausübung jeglicher Tätigkeit verhindert” war.[Quelle: Jahresbericht Apothekerkammer]

Ein halbes Jahr später, am 6. Oktober 1904 verließ die Familie die Wohnung an der Fulda, um an den Rand der Innenstadt von Kassel zu ziehen, zum Königstor 76. Das Datum des Umzugs ergibt sich aus der bereits zitierten Meldeakte der Stadt Kassel, die die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs überstanden hatte. 

Der Umzug machte wahrscheinlich auch wirtschaftlich Sinn, denn: Sohn Paul hatte sein im Frühjahr 1902 sein Abitur gemacht und hatte seit April 1902 schon zwei Semester Architektur an der Königlich Technischen Hochschule zu Berlin in Charlottenburg studiert. Es galt für die Eltern, sich auf das „Altenteil“ einzustellen.

Der Umzug von der Unterstadtseite der Fulda zum Königstor in das höhergelegene Gebiet am Rande der Altstadt hatte zur Folge, dass der Apotheker Wilhelm Thomas nun nicht mehr in der Armenpflege dieses Bezirkes mitwirken konnte. Diese Mitwirkung war gerade für Apotheker wie für andere wohlhabende Bürger offenbar üblich gewesen. Zwei Tage nach dem Einzug in die neue Wohnung erhielt er ein Schreiben der Armendirektion:

 „Armen-Direktion. J-Nr. 13870 A.P., Cassel, den 8. Oktober 1904.

Seitens der 11. Armen-Bezirkskommission wurde uns die Anzeige, dass Sie aus dem Bezirk verzogen und deshalb genötigt sind, das Amt des Armenpflegers niederzulegen, das Kollegium der Armen-Direktion hat hieraufhin seiner Sitzung vom 5.d.M. zu seinem lebhaften Bedauern Ihre Entbindung von dem Amte aussprechen müssen und sagt Ihnen den wärmsten Dank für Ihre langjährige erfolgreiche Tätigkeit in der öffentlichen Armenpflege. Wir werden Ihre Mithülfe sehr entbehren. Unterschrift.

An Herrn Apotheker Thomas“

Aus den Jahren im Königstor 76 ist wenig bekannt. Es gibt viele Lebenszeichen von Sohn Paul aus dem Studium und von seinen Architekturreisen, von denen er sich regelmäßig meldete. Post, die seine Eltern erhalten hatten ist außer bei den Karten von Paul, die dieser wegen der Architekturaufnahmen aufbewahrt wissen wollte, nicht überliefert, auch nur sehr selten einmal eine Nachricht der Eltern an ihre Kinder. So gibt es von Wilhelm Thomas nur eine Karte aus dem Mai 1906 in der er berichtet, dass seine Frau „wenigstens“ was die Heiserkeit und den Rheumatismus betrifft, durch die Kur erholt sei. Mit anderen Worten: Es muss mehr als diese beiden Punkte gegeben haben. War also doch der Rheumatismus ein Grund, das feuchte Gebiet der Fuldaniederung (im ja doch im Mittelgebirge und kühler als Wiesbaden gelegenen) Kassel aufzugeben? War der Gesundheitszustand beider Eltern nicht so sehr gut?

Auch das Haus Königstor 76 wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Eine Luftaufnahme, aufbewahrt im Stadtarchiv Kassel dokumentiert, wie es 1943 vor der Zerstörung ausgesehen hat. Der Unterschied zum Jahr 1904 dürfte nicht sehr groß sein (sicherlich mit Ausnahme des Bunkers), sodass diese Luftaufnahme ein relativ authentischer Eindruck auch für jene Jahre Anfang des Jahrhunderts sein kann.

Am 14. März 2007 war das Kapitel Königstor 76, wo im Jahr 2007 das Gegenüber von VW geprägt war, in Kassel abgeschlossen. Das Ehepaar Thomas zog, so die Auskunft der Meldekarte – leider ohne Angabe der neuen Adresse -, nach Koblenz. Bertha Thomas war zum Zeitpunkt des Umzuges 59 und Wilhelm Thomas 58 Jahre alt. Das „Kapitel Kassel“ war nach 12 Jahren abgeschlossen
 

Umzug nach Bad Godesberg

Der Umzug nach Coblenz am 14. März 1907 erfolgte nur für kurze Zeit, die endgültige Bleibe sollte Godesberg werden. Für die Zeit in Coblenz war zunächst [Anfang Oktober 2007] keine Adresse ausfindig zu machen, so die Mitteilung des Stadtarchivs Koblenz vom 26. September 2007:„Leider ist eine Familie Wilhelm Jacob Thomas nicht in unseren Adressbüchern der Stadt Koblenz von 1906/1907 und von 1909 eingetragen, was sicher auf die kurze Aufenthaltsdauer in Koblenz von März 1907 bis Mai 1908 zurückzuführen ist. Es tut uns leid, dass wir Ihnen nicht weiterhelfen können.“

Auch eine weitere Suche im Spezialadressbuch vom Juli 1907 verzeichnete keinen Wilhelm Thomas, etwa unter Apotheker o.ä..Dennoch ist es gelungen, die Adresse des Ehepaars Thomas in Koblenz ausfindig zu machen. In einer Sammlung mit Postkarten fand sich eine Postkarte Karte an Wilhelm Thomas:. Die Adresse in Koblenz lautete also: Markenbildchenweg 6.

Lange Zeit sind Wilhelm und Bertha Thomas aber nicht in Koblenz geblieben, am 16. Mai 1908 meldeten sie sich in Godesberg an. Der Zuzug von Wilhelm und Bertha Thomas ist im Melderegister von Godesberg dokumentiert. Das Stadtarchiv Bonn brauchte im Jahre 2007 nur wenige Tage neben all der anderen Arbeit, um die entsprechenden Daten zu übermitteln: Die Familie Thomas zug in die Wilhelmstrasse, die in der Gegenwart Kolfhausstrasse heißt. Mit Hilfe dieser Adresse gelang es, da das Haus bis zur Inaugenscheinnahme erhalten war, anhand der Fenstermuster vorhandere bis dahin nicht zuzuordnende Fotografien diesem Lebensabschnitt zuzuordnen.

In der Wilhelmstrasse 3 verbrachte Wilhelm zusammen mit Bertha Thomas seine letzten Lebensjahre bis zu seinem Tod am 15. Juni 1913, der in der o.a. Meldekarte verzeichnet ist. Über die Krankheiten und die Todesursache des am 15. Juni 1913, einen Monat nach dem 65. Geburtstag verstorbenen Wilhelm Thomas ist [bis 9.1.2009] nichts in Erfahrung zu bringen gewesen.

Die Sterbeurkunde vom 16. Juni 1913 hat über die normalen Angaben zu den Vorfahren und dem Wohnsitz hinaus lediglich zu vermelden, dass Wilhelm Thomas „am 15. Juni nachmittags um fünf-einhalb Uhr“ verstorben ist. Die Nachricht überbrachte dem Standesamt der „Schreinermeister Heinrich Glitsch“ aus Godesberg, Auguste Viktoria Strasse 10.

Wo Wilhelm Jacob Thomas begraben wurde, ließ sich trotz vielfacher Bemühungen bis zum nicht feststellen. Die Suche von Herrn Ernzerhoff (Stadtarchiv Bonn) brachte kein Ergebnis, Ein Mitarbeiter des Standesamts Bonn schrieb am 13. 11.2008: „Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass auch dem Standesamt Bonn nicht bekannt ist, wo Ihr Urgroßvater Wilhelm Thomas bestattet wurde. In späteren Jahren wurde in der Regel in der Sammelakte eines Sterbefalles angegeben, auf welchem Friedhof die Person bestattet wurde. Im Jahre 1913 wurde jedoch nur ein „Sterbenotizregister“ angefertigt, d.h. es ergeben sich nur solche Daten aus der Akte, die auch in der Sterbeurkunde zu finden sind, also leider kein Bestattungsort.“

Bertha verzog, so die Auskunft der Meldekarte dann ein Jahr später, am 14. März 1914 nach dem Verkauf des Hauses nach Wiesbaden. Von dort zog sie - mit einem durch die Geldentwertung massiv geschädigten Vermögen - nach Freudenstadt im Schwarzwald, wo sie öfter kränkelte.Im Bezirkskrankenhaus von Freudenstadt starb Bertha Thomas am 20. September 1927 „vor-mittags um halb eins“ an „Herzverkalkung“, wie die Oberschwester des Bezirkskranken-hauses angegeben hatte. Eine Kopie der Urkunde wurde nach Tettnang geschickt, dort wohnte Berthas Tochter Else mit ihrem Mann Otto Kaiser. Ihre letzte Ruhestätte fand Bertha auf dem Friedhof der Stadt.

 

Ehepaar Thomas um 1910

17.05.1848

 

Geburt von Wilhelm Thomas in Netphen (bei Siegen)

 

 

Schule in Netphen, Abitur in Siegen

22.09.1865

 

Qualifiziert für Dienst als „Einjähriger Freiwilliger“

 

 

 

01.10.1865

 

Minden, Ausbildung bei Apotheker Wilken bis 1.10.1868

01.10.1868

 

Minden, Gehilfe bei Apotheker Wilken bis 1.10.1869

01.10.1869

 

Iserlohn, Gehilfe bei Apotheker Röttger bis 30.09.1870

01.10.1870

 

Bielefeld, Gehilfe bei Apotheker Schreiber bis 31.03.1871

01.10.1871

 

Minden, Einjähriger Freiwilliger Militärpharmazeut bis 30.09.1872

01.01.1873

 

Schwerte, Gehilfe bei Apotheker Wigginghaus, Adler-Apotheke

 

 

 

29.05.1873

 

Marburg, Studium der „Pharmacie“

15.07.1874

 

Marburg, Prüfung, Erlangung der Approbation

 

 

 

20.08.1874

 

Minden, Gehilfe bei Apotheker Wilken bis 1.11.1974

01.01.1875

 

Deutz, Gehilfe bei Apotheker Leisen – Löwen-Apotheke bis 1.08.1875

01.10.1876

 

Siegen, Gehilfe bei Apotheker Groschuff – Hirsch Apotheke bis 1.12.1877

08.09.1876

 

Beförderung zum „Ober-Apotheker“ durch den Kriegsminister

01.07.1878

 

Schwerte, Vertretung von Apotheker Wigginghaus bis 1.10.1878

 

 

 

23.12.1878

 

Siegen, Führung der Hirsch-Apotheke nach Tod von Max Groschuff

03.05.1881

 

Hochzeit von Wilhelm Thomas mit Bertha Ludolph, verw. Groschuff

30.04.1884

 

Geburt des Sohnes Paul Thomas

31.12.1884

 

Verkauf der Hirsch-Apotheke in Siegen

 

 

 

01.01.1885

 

Wiesbaden, Albrechtstrasse 

1885

 

Wiesbaden, Herrengartenstrasse 

01.05.1885

 

Arbeit/Studium bei Hofrat Fresenius /Labor

26.09.1885

 

Heidelberg, Immatrikulation Universität

01.10.1885

 

Arbeit/Studium bei Hofrat Fresenius /Labor

07.07.1887

 

Aufnahme als Bürger von Wiesbaden

24.10.1889

 

Übernahme der Mineralwasserfabrik E.Mühl

1891

 

Wiesbaden, Adelheidstrasse 

1893

 

Wiesbaden, Goethestrasse 

1894

 

Wiesbaden, Adelheidstrasse 

 

 

 

01.03.1895

 

Kassel, Fuldabrücke  Übernahme der Adler-Apotheke

12.12.1899

 

Vorsteher des Ärztevereins Hessen-Waldeck

06.04.1901

 

Wahl in Prüfungskommission für Apotheker-Gehülfen

27.11.1901

 

Wahl in Apothekerkammer für Hessen-Nassau

29.01.1902

 

Vorsitzender der Apothekerkammer Hessen-Nassau bis 1906

04.04.1903

 

Kassel, Maulbeerplantage

01.04.1904

 

Verkauf der Adler-Apotheke, kein Neukauf

05-10.1904

 

Krankheit mit Operation

01.10.1904

 

Vertretung des Anstaltsapothekers im Landkrankenhaus Kassel

06.10.1904

 

Kassel, Königstor bis 01.04.1905

28.04.1905

 

Rücktritt vom Vorsitz des Ärztevereins

 

 

 

14.03.1907

 

Coblenz, Markenbildchengasse

16.05.1908

 

Godesberg, Wilhelmstrasse (2008:Kolfhausstrasse)

15.06.1913

 

Tod von Wilhelm Jacob Thomas in Godesberg

20.09.1927

 

Tod von Bertha Thomas in Freudenstadt